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Anmerkungen zur Corona-Epidemiologie

München, 27. März 2020 (Update: 3. April) – Der Autor Dr. Ulrich v. Welck ist Geschäftsführer der ACS Informatik GmbH, München. Schon sehr früh hat er sich mit der Epidemiologie des neuartigen Corona-Virus beschäftigt. Bereits in den 1980’er Jahren befasste er sich mit der Epidemiologie von AIDS. Das unter seiner Federführung entwickelte Programm „AIDS Spread Simulations and Projections (ASSP)“ wurde in Deutschland, der Schweiz, Italien und weiteren Ländern, auch an den CDC (Centers for Disease Control and Prevention, der US-Gesundheitsbehörde) eingesetzt.

In diesem Artikel werden die der Verbreitung des neuartigen Coronavirus zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten erklärt und Missverständnisse über Verbreitung und Letalität erläutert und auch verschiedene Berechnungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind besorgniserregender als öffentlich vermittelt. Wenn es nicht gelingt, der Entwicklung radikal entgegenzuwirken, wird unser Krankenhaussystem kollabieren. (Alle Berechnungen und Ergebnisse beziehen sich auf Deutschland.)

Die Infektion

COVID-19 ist die durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 verursachte Viruserkrankung. Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren stark. Neben symptomlosen Infektionen werden überwiegend milde bis moderate Verläufe beobachtet, jedoch auch schwere mit beidseitiger Lungenentzündung bis hin zu Lungenversagen und Tod.

Es wird vermutet, dass eine mit oder ohne Symptome an COVID-19 erkrankte Person nach ihrer Genesung immun ist. Über die Dauer der Immunität liegen noch wenige Erkenntnisse vor.

Infizierte und bestätigt infizierte Personen

In der Presse und in den Meldungen, etwa in den täglichen Berichten des Robert Koch Instituts (RKI), werden als „bestätigte Infizierte“ allein die auf das Virus positiv getesteten Personen aufgeführt. (In den Medien fällt das „bestätigt“ gelegentlich weg.) Es fehlen also alle Infizierten, die nicht getestet wurden, weil sie ihre Infektion mangels Symptomen nicht erkannt haben, oder weil sie zu geringe Symptome aufwiesen und deswegen nicht getestet wurden („Untererfassung“, „Dunkelziffer“). Das ist aber wohl die überwiegende Mehrheit der tatsächlich Infizierten.

Wie groß die Untererfassung ist, wieviel Infizierte es also insgesamt gibt, ist derzeit nicht bekannt, und es gibt auch keine seriösen Schätzungen. In China wurde die Untererfassung auf den Faktor 10 bis 20 geschätzt (Grundlage: Testung von Personengruppen, die China verlassen haben). In Deutschland werden wir zuverlässige Schätzungen erhalten, wenn demnächst Tests auf Antikörper möglich sind und repräsentative Tests durchgeführt werden können. Mit Sicherheit kann allerdings davon ausgegangen werden, dass die Untererfassung in den Risikogruppen deutlich geringer ist als in Nicht-Risikogruppen. (Bei späteren Berechnungen wird für die Untererfassung ein Faktor von 5 bis 10 angenommen.)

Für die Beurteilung der Epidemie ist die Zahl gleichwohl von großer Bedeutung. Denn diese Personen sind ebenfalls infektiös und später immun. Die sogenannte „Herdenimmunität“ wird deswegen viel früher erreicht, als es sich allein aufgrund der bestätigten Infiziertenzahlen ergibt!

Hinweis: Die bestätigten Infiziertenzahlen werden sich im Laufe der Zeit ändern, weil die Standards der Erfassung und Testung geändert werden oder weil mehr oder weniger getestet wird. Das kann bei den nachfolgenden Überlegungen natürlich nicht vorhergesehen werden. „Bestätigte“ Infiziertenzahlen sind also immer die nach heutigem Standard ermittelten Zahlen.

Benchmark

Wenn alle Personen in Deutschland eine konsequente Quarantäne von zwei bis drei Wochen befolgen, gibt es anschließend keine infizierte Person mehr, das Virus ist besiegt.

Natürlich ist das ein die Situation stark simplifizierendes Idealszenario. Aber es erklärt die Ziele der gegenwärtigen „Kontaktsperre“. Man will die Verbreitung nicht nur verlangsamen, sondern hofft auch, die Anzahl der täglichen Neuinfektionen zu senken. Wie erfolgreich das ist, wird man in den nächsten Wochen sehen.

Die Letalität ist deutlich höher als vermittelt

COVID-19 kann tödlich verlaufen. Und die Letalität ist deutlich höher, als es der Bevölkerung vermittelt wird – oft wegen eines Denkfehlers, der nicht erkannt wird, sonst wohl auch, um die Bevölkerung nicht noch mehr zu beunruhigen.

Der Fehlschluss ist folgender:

  • Das RKI meldet für den 27.03.2020: 48.582 Infektionen und 325 Todesfälle
  • Die vermeintliche Letalität ist also: 325 / 48.582 = 0,7 %, bezogen auf die bestätigten Infektionen (also nicht bezogen auf die Gesamtzahl aller Infizierten einschließlich der nicht getesteten Infizierten (Dunkelziffer)).
    Vor einer Woche betrug die auf diese Weise berechnete Quote noch 25 / 16.662 = 0,15 %

Diese Werte von 0,7 % oder gar 0,15 % sind weit von den von der WHO genannten 3,4 % entfernt, werden aber allzu oft gedankenlos verbreitet. (Werte, übrigens, die aus mathematischen Gründen laufend weiter wachsen werden, bis sie schließlich den Wert der tatsächlichen Letalität annehmen.)

Diese Werte beruhigen vermeintlich: Haben wir 1 Million Infizierte, dann sind 0,7 Prozent davon 7.000 Todesfälle, bei 10 Millionen Infizierten sind es 70.000 Todesfälle. Todesfälle, die außerdem ein einmaliges Ereignis darstellen, weil man sich aufgrund der Immunität nur einmal infizieren kann. 

Diesen Zahlen werden die durch Tabak, Alkohol und Drogen verursachten jährlich rund 185.000 Todesfälle gegenübergestellt, eine Zahl, die mit einem Achselzucken zur Kenntnis genommen wird. (Bei den Grippeepidemien in den Wintern 1995/96 und 2012/2013 starben jeweils rund 30.000 Menschen, eine Zahl, die kaum jemand wahrgenommen hat.)

Da muss man schon fragen: Wird mit den aktuellen Maßnahmen nicht maßlos übers Ziel hinausgeschossen?

Die Antwort ist: Nein!

Die Berechnung ist falsch!

Denn die bis zum 27.03.2020 Verstorbenen haben sich im Durchschnitt zwischen 17 und 18 Tagen zuvor infiziert. Also vor dem oder am 10. März 2020. Am 10. März 2020 meldete das Robert Koch Institut (RKI) aber erst 1.296 bestätigte Infizierte.

Das heißt: Von jenen 1.296 Infizierten sind rund 325 Personen verstorben. Diese Quote ist so hoch, dass ich sie hier nicht ausrechnen möchte.

Zur Beruhigung:

  • Die Letalität ist vermutlich geringer. Anfang März 2020 waren die Fallzahlen noch zu gering und instabil, um daraus verlässliche Schlussfolgerungen ziehen zu können. Trotz aller damit verbundenen Unsicherheiten kann aber als sicher angenommen werden, dass die Letalität deutlich größer ist als 0,7 %.
  • Die hier berechnete Letalität bezieht sich auf die bestätigten Infektionen. Bezogen auf die tatsächliche Infektionszahl einschließlich der Dunkelziffer reduziert sich die Letalität noch einmal deutlich.

Dennoch: Die vom RKI veröffentlichten Fallzahlen deuten wohl auf jeden Fall auf einen Wert hin, der über der von der WHO genannten Letalität von 3,4 % liegt – nämlich bei 5 % bis 10 % (bezogen auf die bestätigten Infektionen). Auf jeden Fall aber variiert dieser Wert stark mit dem Alter und den Vorerkrankungen der Betroffenen.

 Allerdings variiert die Letalität erheblich mit dem Alter der Erkrankten:

Die Letalität variiert stark mit dem Geschlecht und vor allem dem Alter. Alle Verstorbenen hatten außerdem multiple Vorerkrankungen.

Die Alterststruktur legt es vermeintlich nahe, dass es ausreichen sollte, allein den Älteren und Vorerkrankten eine Kontaktsperre aufzuerlegen. Doch das reicht nicht, wie weiter unten gezeigt wird, weil von der notwendigen Hospitalisierung auch die jüngeren Altersgruppen in einem Maß betroffen sind, das ohne Aufrechterhaltung zumindest eines Teils der Maßnahmen zu einer Überbelastung der Krankenhauskapazitäten führt. 

Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“

Die Katastrophe auf dem Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ liefert – quasi als Labortest – die bisher einzigen präzisen Zahlen: Nachdem auf dem Kreuzfahrtschiff Infektionen mit SARS-CoV-2 festgestellt wurden, wurden 3.000 Personen getestet, 705 Personen waren infiziert, sechs Personen sind gestorben, also 0,9 %.

Auf der Diamond Princess wurde umfassend getestet. Die Dunkelziffer dürfte, wenn überhaupt vorhanden, sehr gering sein. Um den Wert 0,9 % mit deutschen Ergebnissen vergleichbar zu machen, muss man also erst eine fiktive Dunkelziffer herausrechnen. Tut man das, verbleiben rund 65 bis 115 fiktive bestätigte Fälle, und es ergibt sich auch hier eine Letalität von 5,2 % bis 9,2 % – wiederum Werte, die über der von der WHO genannten Letalität von 3,4 % liegen. (Annahme: Die Dunkelziffer ist um den Faktor 5 bis 10 größer als die Anzahl bestätigter Infektionen.) 

Andere Länder

Die in Deutschland beobachtete Letalität ist mit den Werten aus anderen Ländern wenig vergleichbar, weil dort anders getestet wird und ggf. auch die Todesursache anders festgestellt wird (etwa in Italien).

Eine erste grobe Abschätzung (statisch)

Nimmt man die Dunkelziffer (Untererfassung) in Deutschland mit dem Faktor 5 bis 10 an, dann kann man daraus bereits erste Einschätzungen ableiten:

  • Nach den Kriterien, nach denen das RKI Infiziertenzahlen veröffentlicht, wird es bis rund 7 Millionen (bei Annahme einer Dunkelziffer Faktor 10) oder 12,5 Millionen (bei Faktor 5) bestätigte Infizierte geben.
    (Denn 7 Millionen bestätigte Infizierte + 10 x 7 Millionen Dunkelziffer ≈ 75 Millionen, analog für den Faktor 5: 12,5 Millionen bestätigte Infizierte + 5 x 12,5 Millionen Dunkelziffer ≈ 75 Millionen. 75 Millionen und nicht die 80 Millionen Gesamtbevölkerung aus Gründen der Herdenimmunität, mehr dazu weiter unten.)
  • Bei einer angenommenen Letalität von 5 % ergeben sich daraus 250.000 bis 625.000 Sterbefälle, bei einer Letalität von 10 % sind es 700.000 bis 1,25 Millionen.

Dramatisch ist allerdings die Belastung, die damit auf das Krankenhauswesen zukommt. Dazu bedarf es jedoch der Betrachtung in einem dynamischen Modell. Denn relevant sind nicht nur die Zahlen an sich, sondern der zeitliche Verlauf, über den sie sich verteilen. 

Dynamische Entwicklung der Epidemie

Im Folgenden wenden wir uns der Dynamik der Epidemie zu, um folgende Fragen zu beantworten:

  • In welchem Zeitraum läuft die Epidemie ab?
  • Wie entwickelt sich die Zahl der symptomatisch Erkrankten und
  • welche Anforderungen an die Krankenhauskapazitäten (Bettenbedarf) ergeben sich daraus? 

Ausbreitung der Epidemie: Infektionsrate

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Epidemie zu beschreiben. In der Epidemiologie wird sie mit Hilfe der Basisreproduktionszahl R0 (auch Grundvermehrungsrate) beschrieben. Ein anderer Maßstab ist die Verdoppelungszeit. Aktuell (Stand: 27.03.2020) liegt die Verdoppelungszeit für die bestätigten Infektionen bei rund 5 Tagen (Tendenz deutlich zunehmend). Im Folgenden wird allerdings als anschaulichere Variante die Anzahl Personen gewählt, an die ein Infizierter das Virus während der Dauer seiner Infektiosität (hier stets angenommen mit 10 Tagen) weitergibt und diese infiziert, soweit sie noch nicht immun sind: bezeichnet als die „Infektionsrate N“. Alle Kennzahlen können ineinander umgerechnet werden. 

In einer frei lebenden, keinen Bewegungseinschränkungen unterworfenen Gesellschaft wird diese Infektionsrate vom RKI mit N = 3 Personen angenommen. Durch die Kontaktsperre soll die Infektionsrate gesenkt werden. Bei einer Reduzierung der Infektionsrate auf eine Person (N = 1) nimmt die Anzahl der Neuinfektionen nicht mehr zu, bei einer Infektionsrate N < 1 nimmt sie ab. Weiter unten werden Entwicklungen gezeigt, die mit den Infektionsraten N = 3, N = 2, N = 1,5 und N = 1,2 durchgeführt wurden. 

Aus den vom RKI veröffentlichten Zahlen ergibt sich bisher:

Die durchschnittliche tägliche Zunahme der bestätigten Infektionen lag also in den ersten Märztagen bei einer Infektionsrate von > 3 Personen, sank in der dritten Märzwoche (16. bis 22. März) auf knapp 2,4 Personen und liegt zur Zeit (Stand: 27. März) bei knapp unter 2 Personen. Noch konnten sich die Beschränkungen durch die Kontaktsperre nicht auswirken.

Projektionen

Durchschnittliche beobachtete Infektionsrate bei den vom RKI bestätigten Infektionszahlen bis Ende März. Die Werte der ersten Woche sind noch wenig aussagekräftig. In den Folgewochen ist eine sinkende Tendenz deutlich zu erkennen. Die aktuell beschlossenen Maßnahmen beginnen, sichtbar zu werden (siehe Pfeil). Die Rate liegt Ende März nahe 1. Das heißt, eine Infizierte Person infiziert im Durchschnitt nur noch etwas mehr als eine weitere Person, die Anzahl der Neuinfektionen wächst kaum noch. (Um die Schwankungen bei den täglichen Meldungen auszugleichen, wurde die Infektionsrate jeweils über die letzten 10 Tage gerechnet).

Längerfristige Voraussagen über die Verbreitung des Virus sind nicht möglich. Zu viele Parameter sind nicht hinreichend genau bekannt, zu unvorhersehbar ist das künftige Verhalten der Bevölkerung, zu vielfältig die Bevölkerungsstruktur.

Es ist aber sehr wohl möglich, bereits mit einem relativ einfachen Modell einen verlässlichen qualitativen Eindruck über das Verhalten der Epidemie zu erhalten und mit den Parametern zu „spielen“, um den Einfluss der einzelnen Größen zu verstehen.

Den nachfolgenden Berechnungen liegt folgendes einfache Modell zugrunde:

  • Erreichbare Gesamtbevölkerung: 60 Millionen. (Nach heutigem Kenntnisstand kann sich die gesamte Bevölkerung infizieren, also alle 80 Millionen Einwohner. Der Ansatz mit 60 Millionen ist eine Vorsichtsmaßnahme um Schwächen des zugrundeliegenden einfachen Modells auszugleichen, führt aber möglicherweise aber zu Unterschätzungen der Fallzahlen.)
  • Infektionsrate: Eine infizierte Person gibt das Virus an N Personen weiter (gerechnet für N = 3, N = 2, N = 1,5 und N= 1,2). N = 3 ist dabei der Wert für eine normal lebende Bevölkerung.
  • Annahme Infektiositätsdauer: Es wird angenommen, dass eine infizierte Person 10 Tage infektiös ist.
  • Untererfassung (Dunkelziffer): Faktor = 5 und 10
  • Annahme Behandlungsbedarf: 10 % Hospitalisierung, davon je 20 % Intensivstation (ITS) und Beatmung. Krankenhauseinlieferung 5 Tage nach Infektion, ITS und Beatmung 3 Tage später, Behandlungsdauer 15 Tage bzw. 30 Tage bei Patienten, die der Behandlung in der Intensivstation und ggf. der Beatmung bedurften. Ein Infizierter kann also bis zu 30 Tage lang ein Krankenhausbett belegen.
  • Startwert: Montag, 9. März 2020, 1.112 bestätigte Infizierte

Daraus ergibt sich:

In der Tabelle werden die Spitzenbelastungen bei Stations- und Intensivbetten unter verschiedenen Annahmen für die Untererfassung (Dunkelziffer) und die Infektionsrate dargestellt. Bei normalem, unbeschränktem Verhalten der Bevölkerung rechnet das RKI mit einer Infektionsrate von drei Personen. (Das heißt: eine Person überträgt während der angenommenen 10-tägigen Dauer ihrer Infektiosität das Virus an drei Personen. Mit fortschreitender Dauer der Epidemie ist ein wachsender Anteil dieser Personen dann aber bereits immun.)

Der Tabelle entnimmt man auch die Bedeutung der Dunkelziffer. Je höher die Dunkelziffer, umso geringer bleibt der Anteil der Personen die mit stärkeren Symptomen erkranken und im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Das liegt daran, dass sich der bereits gegen das Virus immune Bevölkerungsanteil ja nicht nur aus den genesenen und anschließend immunen bestätigten Infizierten zusammensetzt, sondern aus allen genesenen Infizierten, auch jenen aus der Dunkelziffer. Je größer deren Anzahl ist, umso größer der immune Bevölkerungsanteil, also auch umso geringer die Chance, neue noch nicht immune Personen zu infizieren.

Mit repräsentativen Antikörpertests wird man die Dunkelziffer demnächst zuverlässig bestimmen können.

Der in der Tabelle aufgeführte Bettenbedarf geht über die vorhandene Bettenkapazität sehr weit hinaus. Es darf nicht vergessen werden, dass die vorhandenen Betten auch noch für andere Patienten benötigt werden und die Bettenkapazität an den Bedarf vor Beginn der Epidemie angepasst war. Aktuell werden folgende Kapazitäten genannt:

  • Krankenhausbetten (Station): ca. 500.000
  • Krankenhausbetten (Intensiv): ca. 30.000
  • Beatmungsgeräte: ca. 30.000

Die maximale Belastung und zeitliche Dauer des entstehenden Bettenbedarfs hängt stark von den Annahmen (Parametereinstellungen) ab. Im Folgenden werden zwei Fälle mit Infektionsrate N = 2 und N = 1,2 Personen gezeigt (also: ein Infizierter gibt das Virus im Laufe seiner 10-tägigen Infektiosität an 2 bzw. 1,2 Personen weiter).

Zeitliche Entwicklung der Epidemie. Annahmen: Untererfassung (Dunkelziffer): Faktor = 10; Infektionsrate: N = 2 Personen (durchgehende Linie) bzw. N = 1,2 Personen (gestrichelt). Durch die Absenkung der Infektionsrate wird die Dauer der Epidemie von rund 150 Tagen auf etwa 300 Tage gestreckt und gleichzeitig die benötigte Bettenkapa-zität auf ein handhabbares Maß reduziert. (Der Pfeil zeigt auf den heutigen Stand: 03.04.2020.)

Die Kurven zeigen, wie sich der Verlauf der Epidemie strecken lässt, wenn es gelingt die Infektionsrate zu senken. Ziel der gegenwärtigen Kontaktsperre ist genau dies: Die Infektionsrate zu senken und die Kurve dadurch abzuflachen – also das Wachstum der Fallzahlen so abzumildern, dass die Bettenkapazität ausreicht. Darüber hinaus erhofft man sich einen Rückgang der Fallzahlen.

Wann endet die Epidemie?

Das Ende der Epidemie wird eingeläutet, wenn die sogenannte „Herdenimmunität“ erreicht ist. Das ist der Zeitpunkt, wenn die Anzahl der Neuinfizierten nicht mehr wächst. Die Epidemie läuft sich dann relativ schnell tot.

Bei der SARS-CoV-2-Epidemie wird angenommen, dass Herdenimmunität erreicht ist, wenn zwei Drittel der Bevölkerung immun sind. Das wird spätestens dann erreicht, wenn eine wirksame Impfung auf den Markt kommt und ein hinreichend großer Anteil der Bevölkerung geimpft wurde, oder wenn die Epidemie so lange gelaufen ist, bis zwei Drittel der Bevölkerung infiziert wurden.

Die Begründung für den Eintritt der Herdenimmunität, wenn zwei Drittel der Bevölkerung immun sind, ist folgende: Das RKI nimmt an, dass eine Person das Virus durchschnittlich an drei Personen weitergibt. Sind dann zwei Personen bereits immun, wird nur eine Person neu infiziert, und die aktive Infiziertenzahl wächst nicht weiter.

Bei Erreichen der Herdenimmunität kann sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten, sondern sie stagniert und geht zurück.

Maßnahmen

Das Ziel aller Maßnahmen ist die Entschleunigung der Virusverbreitung, im günstigsten Fall sogar eine Reduzierung der Anzahl der an COVID-19 erkrankten Personen. Dadurch soll eine Überschreitung der Krankenhauskapazitäten vermieden werden, bis schließlich ein Impfstoff verfügbar ist.

Das grundsätzliche Problem bei allen Maßnahmen ist, dass die Epidemie wieder auflebt, sobald die Maßnahmen (Bewegungsbeschränkungen) – ganz oder teilweise – wieder aufgehoben werden. Das Virus wird sich heute auch nach lang andauernden Kontaktverboten kaum noch soweit zurückdrängen lassen, dass es anschließend nach dem Beispiel von Südkorea oder Taiwan kontrolliert werden kann. In Deutschland wären deren Maßnahmen auch politisch und rechtlich kaum durchsetzbar.

Wenn kein wirksamer Impfstoff gefunden wird, werden wir so lange mit Bewegungseinschränkungen leben müssen, bis gleichwohl zwei Drittel der Bevölkerung immunisiert sind und Herdenimmunität auf diese natürliche Weise erreicht wurde.

Um die Bewegungseinschränkungen dennoch zurückführen zu können, wird diskutiert, eine strenge Kontaktsperre lediglich den Risikogruppen (Ältere, Vorerkrankte) aufzuerlegen und die Kontaktsperre für die übrige Bevölkerung aufzuheben oder zu lockern.

Im Folgenden wird dazu eine Aufteilung der Bevölkerung in die Risikogruppe (30 Millionen) und sonstige Bevölkerung (50 Millionen) vorgenommen. Für die sonstige Bevölkerung wird das Risiko einer Hospitalisierung auf 4 % herabgesetzt. Es ergeben sich dann für diese Gruppe folgende Werte:

Sonstige Bevölkerung mit geringerem Risiko für Hospitalisierung: An die vollständige Aufhebung der Bewegungseinschränkung ist wohl auch für diese Bevölkerungsgruppe nicht zu denken.

Tatsächlich ist die Zahl der bestätigten Infizierten auch in den jüngeren Altersgruppen hoch, so dass es gleichwohl zu sehr hohen absoluten Anzahl an Krankenhausbehandlungen kommt:

Die ganz überwiegende Anzahl der bestätigten Infizierten gehört der Altersgruppe < 60 an (der Altersmedian liegt bei 49 Jahren!). Trotz geringeren Bedarfs an Krankenhausbehandlungen je Infiziertem bleibt die absolute Zahl benötigter Krankenhausbetten deswegen hoch.

Nachtrag zur Herdenimmunität

Herdenimmunität tritt ein, wenn die Anzahl der Neuinfizierten nicht mehr wächst. Das hängt auch von der Infektiosität ab. Bei Masern wird Herdenimmunität beispielsweise bei einem immunen Bevölkerungsanteil ab rund 90 % erreicht. Bei CONVID-19 schätzt man den Wert auf zwei Drittel (60 % bis 70 %).

Lässt man die Epidemie ungehindert laufen (mit einer Infektionsrate von 3 Personen), dann ist die Epidemie in drei bis vier Monaten „durch“. Nach Erreichen der Herdenimmunität fällt die Anzahl an Neuinfektionen schnell ab und etwa 76 Millionen werden insgesamt infiziert und immun (die Sterbefälle wurden in dieser Grafik nicht berücksichtigt).

Wenn nun aber die Infektionsrate durch Maßnahmen deutlich abgesenkt wird, wird in der Bevölkerung die für SARS-CoV-2 benötigte Herdenimmunität auch bei langem Zuwarten nicht erreicht:

Bei Herabsetzung der Infektionsrate (hier auf N = 1,2) wird nur noch rund ein Viertel der Bevölkerung infiziert und immun. Für die Herdenimmunität benötigt werden aber 60 % bis 70 %.

Warum darf man zur Arbeit gehen?

Oft wird gefragt: Warum darf man zur Arbeit gehen, aber privat nicht einmal soziale Kontakte sehen?

Ziel ist es natürlich, die Wirtschaft zu schonen. Es gibt aber auch eine epidemiologische Rechtfertigung: Die arbeitende Bevölkerung ist weniger gefährdet (hinsichtlich der Risiken wie Alter und Vorerkrankung), und die Gruppen, die hierbei aufeinander treffen, sind stabiler. Es treffen täglich immer dieselben Personen aufeinander, während im Restaurant oder auf Veranstaltungen stets verschiedene Personen aufeinandertreffen, was die Virusverteilung begünstigt. – Aber es bleibt natürlich ein Kompromiss.

Resümee

Ziel dieses Artikels ist es, die Dringlichkeit zur Einbremsung der Virusverbreitung mit konkreten Zahlen zu verdeutlichen. Konkrete Zahlen erleichtern die Einordnung einer Gefahr und dann auch die Einsicht in die (in diesem Fall ist das Wort wirklich berechtigt: ) Alternativlosigkeit zu den angeordneten Maßnahmen.

Bei fehlender Einsicht steigt die Gefahr, dass unzureichende Maßnahmen – weil politisch nicht mehr durchsetzbar – nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Gesundheitswesen beschädigen, ohne dass bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs unter dem Strich besonders viele Menschenleben gerettet werden.

Die durchgeführten Berechnungen sind keine Prognosen. Die Zahlen selbst und die Auswirkungen verschiedener Szenarien sind in ihrer Größenordnung aber wohl realistisch und zeigen das qualitative Verhalten der Epidemie.

Kontakt

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